Pressespiegel:
Euskirchen, 27. Juli 2005
Talk im Annaturm
Klageandrohung statt politischer Auseinandersetzung
Hoch her ging es beim "Talk im Annaturm". Ein nervöser Dr. Wolf Bauer drohte seiner Bundestagskollegin Helga Kühn-Mengel mit einer Klage, sollte sie mochmals anmerken, dass mit einer Kanzlerin Angela Merkel Deutschland sich am Krieg im Irak beteiligt hätte. Lesen Sie, wie der Kölner Stadtanzeiger die Veranstaltung gesehen hat:Heftiger Schlagabtausch in der Kneipe
VON JOACHIM SPROTHEN, 27.07.05, 07:15h
Auch die jungen Bewerber um ein Bundestagsmandat schlugen sich beachtlich.
Kreis Euskirchen - Wer glaubte, dass Dr. Wolf Bauer am Montag beim „Talk im Annaturm“ ein Heimspiel haben würde, sah sich getäuscht. Der CDU-Kandidat für die Bundestagswahl am 18. September war sogar der einzige aller fünf Bewerber, der sich zwischenzeitlich deutliche Missfallensäußerungen anhören musste.
Repräsentativ war diese Stimmungslage natürlich nicht. Die kleine Gaststätte, in der Hans Burggraf in schöner Regelmäßigkeit seine Talk-Runden moderiert, platzte zwar bei der Diskussion der fünf Kandidaten, die den Kreis Euskirchen und die Städte Wesseling, Erftstadt und Brühl in der nächsten Legislaturperiode im Bundestag vertreten wollen, aus allen Nähten. Aber dafür sorgten bereits die rund hundert Zuhörer, die die Diskussionsrunde verfolgen. Und der stellten sich mit Bauer, Helga Kühn-Mengel (SPD), Gabriele Molitor (FDP), Arvid Bell (Bündnis 90 / Die Grünen) und Michael Faber (Linkspartei PDS) alle hiesigen Bewerber um die heiß begehrten Kreuzchen auf den Wahlzetteln.
Unter dem Motto „Eine(r) wird gewinnen“ warben die Kandidaten um die Gunst der Wähler. Wer am 18. September als Sieger über die Ziellinie gehen wird, entschied sich beim „Talk im Annaturm“ naturgemäß nicht. Der Bewertung des Moderators Burggraf, dass sich die beiden jüngsten Kandidaten, der Zülpicher Faber (24) und der Euskirchener Bell (20), erstaunlich souverän aus der Affäre gezogen hätten, widersprachen nicht einmal die politischen Gegner der beiden.
Nur Bauer, der mit seiner langjährigen Erfahrung Punkte gutmachen wollte, wähnte die „jungen Leute im Wolkenkuckucksheim“. Womit Bauer aber noch nicht für Furore gesorgt hatte. Das „gelang“ dem Favoriten auf ein Direktmandat erst, als er androhte, Helga Kühn-Mengel juristisch zu belangen. Die SPD-Abgeordnete hatte die Behauptung aufgestellt, dass die CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel anders als Amtsinhaber Gerhard Schröder deutsche Soldaten in den Irak-Krieg geschickt hätte. „Das ist eine Unverschämtheit“, schimpfte Bauer: „Wenn Sie unsere Vorsitzende weiterhin öffentlich verleumden, werde ich gerichtlich gegen Sie vorgehen.“
Etliche Zuhörer machten ihrem Unmut über diese Äußerung lautstark Luft. Bauer brachte mehr Leute auf seine Seite, als er sich „heilfroh“ darüber zeigte, dass die grüne Bärbel Höhn seit der Landtagswahl nicht mehr auf dem Chefsessel des NRW-Umweltministeriums sitzt. Gestiegene Arbeitslosigkeit, erhöhte Staatsverschuldung und das geringe Wirtschaftswachstum seien das Ergebnis einer „verfehlten Politik“ der rot-grünen Koalitionen in Land und Bund. Das A und O sei es, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Und da sei Bärbel Höhn etwa im Fall des Weiterbaus der Autobahn 1 ein Beispiel dafür, wie man „mit halbtoten Haselhühnern jede Entwicklung verhindert“. Und mit Windrädern werde die „halbe Eifel verschandelt, in der wir für Tourismus werben wollen“.
Streit ums Haselhuhn
Was Höhns Parteifreund Arvid Bell auf den Plan rief. Er warf Bauer vor, „Applaus dadurch zu organisieren, dass Sie hier gegen Haselhühner polemisieren“. Im Bereich der erneuerbaren Energien würden mittlerweile mehr Leute arbeiten als „in Kohle- und Atomindustrie zusammen“. Eine Mitstreiterin fand Bauer in Gabriele Molitor. Die FDP-Kandidatin war sich mit ihrem CDU-Kollegen darüber einig, dass der „Kündigungsschutz kein Schutz“ sei: Dies halte etliche Arbeitgeber davon ab, neue Leute einzustellen. Molitor: „Wir müssen auch an die denken, die keine Arbeit haben.“ Die FDP-Stadtverordnete aus Erftstadt machte sich für die Entlastung der mittelständischen Unternehmen, „die 80 Prozent aller Arbeitsplätze schaffen“, und den Abbau bürokratischer Hürden stark.
Derweil verwies Kühn-Mengel ebenso wie Bell auf die Erfolge der rot-grünen Koalition in Berlin. Von CDU-Kanzler Helmut Kohl habe man 1,5 Billionen Euro Staatsverschuldung übernommen. Trotz erheblich schlechterer weltwirtschaftlicher Rahmenbedingungen als zu Zeiten der Kohl-Regierung sei es unter der Führung Schröders gelungen, die Erwerbsquote von 63,7 auf 64,5 Prozent zu erhöhen, das Kindergeld anzuheben und den Eingangssteuersatz von knapp 26 auf 15 Prozent zu senken.
Michael Faber war als Kandidat der Linkspartei der einzige, dem kein Mitbewerber beistand. Was den Jurastudenten selbst allerdings am wenigsten verwunderte. Die vier bereits im Bundestag vertretenen Parteien würden sich in ihrer politischen Stoßrichtung nämlich nur „marginal voneinander unterscheiden“. Hartz IV, durch das Menschen, die 30 Jahre Sozialversicherungsbeiträge gezahlt hätten, nach nur einem Jahr Arbeitslosigkeit auf Sozialhilfeniveau gebracht würden, bedeute „per Gesetz verordnete Armut“. Rot-Grün wolle im Verbund mit den anderen Parteien die Finanzmisere des Bundes vor allem auf den Schultern der sozial Schwachen abladen. Als junger Linker, so Faber weiter, seien für ihn daher weder die Grünen noch die SPD eine politische Heimat.
(KStA)




